Die Auswahl des richtigen chirurgischen Nahtmaterials ist entscheidend für einen optimalen Wundverschluss und eine komplikationsfreie Heilung. Nahtmaterialien unterscheiden sich in vielfältiger Hinsicht – etwa in ihrer Resorbierbarkeit, dem Fadenaufbau (monofil vs. polyfil), der Nadelform und der Fadenstärke.

Je nach Gewebe, OP-Technik und gewünschter Haltbarkeit muss die passende Nadel-Faden-Kombination gewählt werden, um die Wunde ausreichend zu unterstützen, ohne unnötige Gewebereaktionen zu provozieren. In diesem Artikel geben wir einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Unterschiede, typische Anwendungsgebiete sowie konkrete Produktempfehlungen und Praxis-Tipps.

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1. Resorbierbar vs. nicht resorbierbar: Wann welcher Faden?

Das erste Unterscheidungsmerkmal ist das Verhalten des Fadens im Körper.

Resorbierbares Nahtmaterial löst sich nach einer gewissen Zeit im Körper durch Hydrolyse oder enzymatischen Abbau von selbst auf. Diese Fäden werden eingesetzt, wenn ein späteres Fädenziehen nicht möglich oder erwünscht ist – zum Beispiel bei Nähten an inneren Organen, in der Faszie oder im subkutanen Fettgewebe.

  • Wichtig: Man unterscheidet hier zwei Zeiten. Die Halbwertzeit der Reißfestigkeit gibt an, wie lange der Faden die Wunde noch stabil zusammenhält. Die Resorptionszeit beschreibt, wann das Material chemisch vollständig abgebaut ist. Ein Faden wird so gewählt, dass er die Wunde genau über die kritische Heilungsphase hinweg stützt.

Nicht resorbierbares Nahtmaterial verbleibt dauerhaft im Körper oder muss manuell entfernt werden. Es kommt zum Einsatz, wenn sehr langer Halt und dauerhafte Stabilität benötigt werden (z. B. Gefäßchirurgie, Sehnen) oder wenn die Fäden nach der Heilung problemlos entfernt werden können (klassische Hautnaht).

  • Merksatz: Ein Faden sollte nur dann dauerhaft im Körper bleiben, wenn dies notwendig ist, da jedes verbleibende Fremdmaterial potenziell eine chronische Reizung (Fremdkörpergranulom) hervorrufen kann.

2. Monofiles vs. polyfiles Nahtmaterial

Der Fadenaufbau beeinflusst das Handling, die Gewebereaktion und das Knotenverhalten maßgeblich.

  • Monofile Fäden (Einfädig): Bestehen aus einem einzigen Filament (z. B. Nylon, Polydioxanon).
    Vorteile: Sehr glatte Oberfläche, gleiten atraumatisch durch das Gewebe ("kein Sägeeffekt") und haben keine Kapillarität (keine Dochtwirkung für Bakterien) – ideal zur Infektionsvermeidung.
    Nachteile: Etwas steifer (höherer "Memory-Effekt"), geringere Knotensicherheit (Knoten können leichter aufgehen).
  • Polyfile Fäden (Geflochten/Verzwirnt): Bestehen aus mehreren Filamenten (z. B. Seide, Polyglactin).
    Vorteile: Sehr geschmeidig, extrem reißfest und bieten exzellenten Knotenhalt.
    Nachteile: Raue Oberfläche kann beim Durchziehen "sägen", Zwischenräume bieten Bakterien Nischen (höheres Infektionsrisiko).
  • Pseudomonofil: Ein moderner Kompromiss. Hier wird ein geflochtener Kern mit einer glatten Schicht ummantelt. Das Ziel: Die Reißfestigkeit und Flexibilität eines geflochtenen Fadens kombiniert mit der glatten Oberfläche eines Monofils.

3. Die Nadel macht den Unterschied: Schliff und Form

Ein Faden ist nur so gut wie die Nadel, die ihn führt. Nahtmaterial wird heute meist als atraumatische Nadel-Faden-Kombination geliefert (der Faden ist fest in das Nadelende eingelassen), um Gewebeschäden zu minimieren.

Die Nadelform (Krümmung):

  • 1/2-Kreis: Der Standard für tiefere Schichten (Muskel, Faszie, Peritoneum). Durch die starke Biegung lässt sich die Nadel auf engem Raum mit einer Handgelenksdrehung wieder ausstechen.
  • 3/8-Kreis: Flacher gebogen. Ideal für oberflächliche Nähte (Haut), da hier mehr Platz für den Stich ist und eine flachere Führung kosmetisch günstigere Ergebnisse liefert.

Die Nadelspitze (Schliff):

  • Schneidende Nadel (Symbol: Dreieck): Besitzt scharfe Kanten. Zwingend notwendig für festes Gewebe wie Haut oder Narbengewebe. Vorsicht: In weichem Gewebe kann sie ausreißen.
  • Rundkörper-Nadel (Symbol: Kreis): Hat eine konische Spitze, die das Gewebe verdrängt statt zu schneiden. Standard für weiche Gewebe wie Darm, Gefäße, Fett und Muskel, um Blutungen zu vermeiden.

4. Fadenstärken verstehen (USP vs. Metric)

Die Dicke des Fadens entscheidet über die Reißkraft, aber auch über das Gewebetrauma. Im klinischen Alltag hat sich das amerikanische USP-System durchgesetzt. Die Logik ist antizyklisch: Je mehr Nullen, desto feiner der Faden.

USP Stärke Typische Anwendung Körperregion (Hautnaht)
2 bis 0 Sehr grob / Hohe Last Faszienverschluss, Sternum, dicke Muskeln
2-0 / 3-0 Mittelstark Kopfhaut, Rücken, Haut unter Spannung, Füße
4-0 Fein (Standard) Hautnaht an Extremitäten, Händen, Rumpf
5-0 / 6-0 Sehr fein Gesicht, Hals, Finger (kosmetisch anspruchsvoll)
8-0 bis 10-0 Mikrochirurgisch Augenheilkunde, Nervennähte, Mikrogefäße

Grundregel: So dick wie nötig für den Halt, aber so dünn wie möglich, um Narbenbildung und Trauma zu minimieren.


5. Anwendungsgebiete: Welches Material für welche Wunde?

Die Wahl richtet sich nach Gewebeart und Heilungsdauer. Hier sind die bewährten Standards:

  • Hautnaht (Kutan): Meist nicht-resorbierbare, monofile Fäden. Sie sind reaktionsträge und lassen sich gut ziehen.
    Material: Nylon (Ethilon®) oder Polypropylen (Prolene®).
    Ausnahme: Für Intrakutannähte oder Kinderchirurgie oft schnell resorbierbare Monofile (Monocryl®), um das Fädenziehen zu ersparen.
  • Unterhaut & Fettgewebe: Resorbierbares Material mit mittlerer Haltdauer.
    Material: Geflochtenes Polyglactin (Vicryl®, Novosyn®).
  • Faszien & Sehnen: Diese Gewebe heilen langsam und stehen unter Spannung. Hier werden langzeit-resorbierbare oder permanente Fäden benötigt.
    Material: Polydioxanon (PDS II®, MonoPlus®) hält die Festigkeit über Wochen; für permanente Stabilität Polyester (Ethibond®).
  • Gefäß- & Herzchirurgie: Hier darf sich nichts auflösen. Es werden extrem glatte, nicht-resorbierbare Fäden verwendet.
    Material: Polypropylen (Prolene®) oder beschichtetes Polyester.

6. Produktempfehlungen auf einen Blick

Hier finden Sie eine Übersicht gängiger Materialien und ihrer Äquivalente:

Produkt (Beispiel) Material / Typ Charakteristik Ideal für
Vicryl® / Novosyn® Polyglactin 910
(resorbierbar, geflochten)
Der "Allrounder". Gutes Handling, mittlere Resorptionszeit (50% Kraft nach ~3 Wochen). Subkutis, Ligaturen, Schleimhaut, innere Organe.
PDS II® / MonoPlus® Polydioxanon
(resorbierbar, monofil)
Langzeit-Halt. Sehr stabil (50% Kraft noch nach ~6 Wochen). Faszien, Bauchdeckenverschluss, Orthopädie.
Monocryl® / Monosyn® Poliglecapron
(resorbierbar, monofil)
Gleitet perfekt, verliert Kraft aber schnell (nach 1-2 Wochen). Intrakutannaht (kosmetisch), schnell heilende Gewebe.
Ethilon® / Dafilon® Nylon/Polyamid
(nicht resorbierbar, monofil)
Der Klassiker für die Hautnaht. Hautverschluss (Fadenzug nötig).
Prolene® / Optilene® Polypropylen
(nicht resorbierbar, monofil)
Inert, dauerhaft stabil, leicht elastisch. Gefäßchirurgie, Nerven, Haut (bei Allergikern).

Hinweis zu "Plus"-Fäden: Viele dieser Produkte gibt es als "Plus"-Variante (z. B. Vicryl Plus). Diese sind mit Triclosan beschichtet, was das Bakterienwachstum auf dem Faden hemmt und Wundinfektionen vorbeugen kann.

💡 Pro-Tipps für den OP-Alltag
  • Memory-Effekt beseitigen: Monofile Fäden (wie Prolene oder PDS) „merken“ sich ihre Verpackungsform und kringeln sich oft. Tipp: Spannen Sie den Faden vor der Nutzung einmalig vorsichtig (nicht ruckartig reißen!), um ihn zu begradigen.
  • Knotensicherheit: Da monofile Fäden sehr glatt sind, neigen Knoten dazu, sich zu lösen. Setzen Sie hier immer mehr Knoten (in der Regel 4–6 Schläge) als bei geflochtenen Fäden und achten Sie auf korrekte gegenläufige Knotentechnik.
  • Nicht zu fest knoten: Gewebe schwillt nach der OP oft an ("Posttraumatisches Ödem"). Ein zu fest gezogener Knoten schnürt die Mikrozirkulation ab und führt zu Wundrandnekrosen. Lassen Sie dem Gewebe etwas Raum.
  • Nadelhalter-Position: Fassen Sie die Nadel immer im Übergang vom mittleren zum hinteren Drittel. Fassen Sie sie nie an der Spitze (wird stumpf) oder direkt am Fadenöhr (Nadel kann brechen).

Fazit

Die moderne Chirurgie bietet für jede Indikation den passenden Faden. Während für die schnelle Hautnaht oft einfaches Nylon genügt, erfordern komplexe innere Verschlüsse wie die Bauchdeckenfaszie High-Tech-Materialien wie PDS. Wer die Unterschiede zwischen monofilen und polyfilen Strukturen sowie die Bedeutung der Nadelform kennt, kann Wundkomplikationen aktiv vermeiden und das kosmetische Ergebnis optimieren.

Unser Shop hält eine breite Auswahl an Nahtmaterialien bereit. Gerne beraten wir Sie auch persönlich, um die optimale Nadel-Faden-Kombination für Ihre Fachrichtung zusammenzustellen.